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Die Tagebücher von Etty Hillesum sind ein bedeutendes Zeitdokument aus der Zeit der deutschen Besatzung der Niederlande. Sie geben Einblick in das Leben und Denken einer jungen Frau, die sich mitten in Krieg und Verfolgung befand. Seit der ersten Veröffentlichung 1981 haben die Aufzeichnungen international Beachtung gefunden; die deutsche Gesamtausgabe erschien 2023 bei C.H. Beck.
Wer war Etty Hillesum?
Etty Hillesum wurde am 15. Januar 1914 in Middelburg geboren. Ihr Vater Louis Hillesum war Gymnasialdirektor und Altphilologe, ihre Mutter Riva Bernstein eine russisch-jüdische Migrantin. Die Familie gehörte dem assimilierten jüdischen Bürgertum an. Etty hatte zwei Brüder: Jaap, der Arzt wurde, und Mischa, einen begabten Pianisten.
- Geboren 1914 in Middelburg
- Vater: Louis Hillesum, Gymnasialdirektor
- Mutter: Riva Bernstein, russisch-jüdische Migrantin
- Zwei Brüder: Jaap (Arzt) und Mischa (Pianist)
1932 zog Etty nach Amsterdam, um Jura zu studieren. Die Stadt war damals stark von der Amsterdamer Schule geprägt, dem expressionistischen Backstein-Baustil, der in jenen Jahrzehnten weite Teile der Stadt formte.
Das Tagebuch: Aufzeichnungen einer inneren Reise
Am 8. März 1941 begann Etty Hillesum, ihre Gedanken in einem Tagebuch festzuhalten. Die Aufzeichnungen spiegeln sowohl die äußeren Umstände der Kriegszeit als auch eine intensive innere Auseinandersetzung wider.
Die Idee zum Tagebuch entstand im Rahmen einer Therapie bei Julius Spier, einem Berliner Emigranten und Schüler von Carl Gustav Jung. Er ermutigte sie zur Selbstanalyse und zur schriftlichen Verarbeitung ihrer inneren Krisen. Durch Spier kam sie mit christlichen Mystikern wie Augustinus und Meister Eckhart in Berührung, ohne ihre jüdische Herkunft aufzugeben. Diese Auseinandersetzung mit religiösen Traditionen reiht sich in eine längere niederländische Geistesgeschichte ein, zu der etwa auch die spätmittelalterliche Devotio Moderna um Geert Groote zählt.
Spier starb 1942. Sein Tod war für Etty Hillesum ein Einschnitt, nach dem ihre Tagebücher zunehmend um Fragen von Leid und Gottesbeziehung kreisen.
| Aspekt | Beschreibung |
|---|---|
| Therapeutische Techniken | Körperübungen, Bibellektüre |
| Spirituelle Öffnung | Auseinandersetzung mit christlicher Mystik |
| Literarische Einflüsse | Augustinus, Meister Eckhart, Rilkes „Stundenbuch“ |
| Wendepunkt | Tod von Julius Spier, 1942 |
Etty Hillesum und der Zweite Weltkrieg
Die deutsche Besatzung der Niederlande – ein Kapitel der neueren niederländischen Geschichte, während dessen das niederländische Königshaus ins Exil ging – brachte für die jüdische Bevölkerung Amsterdams systematische Entrechtung und Verfolgung. Ab Juli 1942 musste Etty Hillesum beim Jüdischen Rat (Joodse Raad) in Amsterdam arbeiten, einer von den Besatzern kontrollierten Institution, die zwischen dem Versuch, Leid zu lindern, und dem Vorwurf der Kollaboration stand. Sie arbeitete zeitweise in der Abteilung für die Versorgung von Ausgesiedelten.
Im Juni 1943 entschied sie sich, freiwillig nach Westerbork zu gehen – dem Durchgangslager, von dem aus die Deportationszüge in die Vernichtungslager fuhren. Sie verzichtete bewusst darauf unterzutauchen, um mit den Betroffenen solidarisch zu bleiben. Ihre Briefe aus dieser Zeit beschreiben die Organisation der wöchentlichen Deportationen.
Westerbork: Alltag im Durchgangslager
Die Briefe aus Westerbork gehören zu den eindringlichsten Zeugnissen dieser Zeit. Sie beschreiben den Lageralltag ebenso wie die psychologischen Folgen der bevorstehenden Deportation. Die hygienischen Bedingungen im Lager waren katastrophal, Krankheit und Hunger verbreitet. Dennoch finden sich in ihren Texten immer wieder Naturbeobachtungen und Bilder, die Widerstandskraft ausdrücken sollen.
Ihre letzte, aus dem Zug nach Auschwitz geworfene Postkarte vom 7. September 1943 endet mit den Worten: „Singend haben wir dieses Lager verlassen.“
Spiritualität im Angesicht des Grauens
In ihren Tagebüchern entwickelte Etty Hillesum eine eigene Gottesbeziehung, die sie von der ironischen Selbstbeschreibung als „Mädchen, das nicht knien konnte“ zu einer regelmäßigen Gebetspraxis führte. Für sie war das Gebet auch eine Form, der Entmenschlichung durch die Besatzer etwas entgegenzusetzen. Bekannt ist ihr Satz „Wir müssen Gott helfen“ – eine Formulierung, mit der sie das Leid nicht Gott, sondern der menschlichen Verantwortung zuordnete.
| Aspekt | Beschreibung |
|---|---|
| Gebetspraxis | Tägliche Routine, Rückzug zur inneren Sammlung |
| Theodizee-Frage | „Wir müssen Gott helfen“ |
| Spirituelle Synthese | Jüdische Herkunft und christliche Mystik |
| Literarischer Einfluss | Rilkes „Stundenbuch“ |
Deportation und Tod
Am 7. September 1943 wurde Etty Hillesum zusammen mit ihren Eltern und ihrem Bruder Mischa von Westerbork nach Auschwitz deportiert. Nach Angaben des Roten Kreuzes starb sie dort am 30. November 1943.
Nachwirkung und Erinnerung
Heute erinnern unter anderem Stolpersteine an ihr Leben, und Forschungseinrichtungen wie das Etty Hillesum Onderzoekscentrum an der Universität Gent widmen sich ihrem Werk. Ihre Tagebücher werden häufig neben denen von Anne Frank als literarisches Zeugnis der Verfolgungszeit genannt.
Veröffentlichung und Wirkung
Die Tagebücher erschienen 1981 erstmals unter dem Titel „Het verstoorde leven“ und wurden seither in mehrere Sprachen übersetzt. Für die Veröffentlichung setzte sich Klaas Smelik ein, der die Manuskripte über Jahrzehnte bewahrt hatte. Später erschien mit „De nagelaten geschriften“ eine vollständigere Ausgabe, auf der auch die deutsche Gesamtausgabe von 2023 beruht.
Die Tagebücher werden in Gedenkstätten pädagogisch genutzt und dienen als Quelle zur Aufarbeitung der NS-Zeit. Ihre Reflexionen über Menschlichkeit, Gebet und Widerstandskraft unter extremen Bedingungen werden bis heute im interreligiösen Dialog diskutiert.
Häufig gestellte Fragen
Wer war Etty Hillesum?
Etty Hillesum war eine 1914 in Middelburg geborene jüdische Niederländerin, die während der deutschen Besatzung ein vielbeachtetes Tagebuch führte. Sie starb 1943 im Konzentrationslager Auschwitz.
Wann wurden ihre Tagebücher veröffentlicht?
Die erste Ausgabe erschien 1981 unter dem Titel „Het verstoorde leven“. Eine erweiterte deutsche Gesamtausgabe kam 2023 bei C.H. Beck heraus.
Worüber schrieb sie in ihrem Tagebuch?
Sie beschrieb ihren Alltag unter der Besatzung, ihre Arbeit für den Jüdischen Rat, ihre Zeit im Lager Westerbork sowie ihre spirituelle Entwicklung und Gebetspraxis.
Warum ging Etty Hillesum freiwillig nach Westerbork?
Sie wollte solidarisch mit den anderen Verfolgten bleiben, statt unterzutauchen. Ihre Briefe aus dem Lager dokumentieren den Alltag und die Deportationen.
Wie werden ihre Tagebücher heute eingeordnet?
Sie gelten als eines der wichtigen literarischen Zeugnisse der NS-Verfolgungszeit und werden oft neben den Tagebüchern von Anne Frank genannt.







