Niederländische Nobelpreisträger: Wer sie waren und was sie leisteten

Seit der ersten Verleihung 1901 gingen rund 20 Nobelpreise an Personen, die in den Niederlanden geboren wurden oder die niederländische Staatsangehörigkeit tragen. Die Auszeichnungen verteilen sich vor allem auf Physik und Chemie, dazu kommen Preise in Medizin, Wirtschaftswissenschaften und Frieden – einen niederländischen Literaturnobelpreisträger gibt es bislang nicht. Mehrere Preisträger führten ihre ausgezeichnete Forschung nicht in den Niederlanden selbst durch, sondern an Universitäten in Großbritannien, Deutschland oder den USA – ein Hinweis auf die internationale Vernetzung der niederländischen Wissenschaft.

Nobelpreisträger in der Physik

Die Physik ist die Disziplin mit den meisten niederländischen Preisträgern, von den Anfängen des Fachs bis in die Gegenwart.

Jahr Name Leistung
1902 Hendrik Antoon Lorentz & Pieter Zeeman Elektronentheorie und Entdeckung des Zeeman-Effekts
1910 Johannes Diderik van der Waals Zustandsgleichung für Gase und Flüssigkeiten
1913 Heike Kamerlingh Onnes Verflüssigung von Helium, Entdeckung der Supraleitung
1953 Frits Zernike Erfindung des Phasenkontrastmikroskops
1981 Nicolaas Bloembergen Entwicklung der Laserspektroskopie
1984 Simon van der Meer Beitrag zur Entdeckung der W- und Z-Bosonen am CERN
1999 Gerard ‚t Hooft & Martinus J. G. Veltman Quantenstruktur der elektroschwachen Wechselwirkung
2010 André Geim Entdeckung des zweidimensionalen Materials Graphen

Hendrik Antoon Lorentz gilt mit seinen Lorentz-Transformationen als wichtiger Wegbereiter für Einsteins Relativitätstheorie. Pieter Zeeman, der sich den Physik-Nobelpreis 1902 mit ihm teilte, entdeckte die nach ihm benannte Aufspaltung von Spektrallinien in Magnetfeldern – ein bis heute in der Astrophysik genutztes Werkzeug. Heike Kamerlingh Onnes leitete in Leiden ein Labor, das wegen seiner extremen Tieftemperaturexperimente lange als „das kälteste Fleckchen der Erde“ galt. Bei Versuchen mit Quecksilber beobachtete er 1911, dass der elektrische Widerstand bei sehr tiefen Temperaturen vollständig verschwand – die Entdeckung der Supraleitung, für die er 1913 den Nobelpreis erhielt. Frits Zernikes Phasenkontrastmikroskop wiederum löste ein grundlegendes Problem der Biologie: Zuvor mussten Zellen für die mikroskopische Untersuchung meist abgetötet und eingefärbt werden, weil sie im Lichtmikroskop nahezu durchsichtig blieben. Durch die Überlagerung zweier Lichtwellen machte Zernikes Verfahren erstmals die innere Struktur lebender Zellen sichtbar, ganz ohne Färbung, und wurde zur Grundlage vieler späterer Verfahren in Biologie und Medizin. André Geim, der 2010 gemeinsam mit Konstantin Novoselov ausgezeichnet wurde, ist gebürtiger Russe mit niederländischer Staatsangehörigkeit und forschte zum Zeitpunkt der Preisverleihung in Manchester.

Nobelpreisträger in der Chemie

Nobelpreis Medizin

Jahr Name Leistung
1901 Jacobus Henricus van ‚t Hoff Erster Chemie-Nobelpreis überhaupt, für chemische Dynamik und osmotischen Druck
1936 Peter Debye Erforschung von Dipolmomenten und Röntgenbeugung an Gasen
1995 Paul J. Crutzen Erforschung des Ozonabbaus in der Stratosphäre
2016 Ben Feringa Entwicklung molekularer Maschinen

Jacobus Henricus van ‚t Hoff erhielt 1901 den allerersten Chemie-Nobelpreis für seine Arbeiten zur chemischen Dynamik und Stereochemie. Peter Debye, gebürtig aus Maastricht, wurde später amerikanischer Staatsbürger und forschte zuletzt in den USA. Paul J. Crutzen wurde 1995 gemeinsam mit Mario Molina und Sherwood Rowland für seine Forschung zum stratosphärischen Ozonabbau ausgezeichnet – eine Arbeit, die das Verständnis menschengemachter Umweltveränderungen entscheidend prägte. Ben Feringa von der Universität Groningen erhielt den Preis 2016 gemeinsam mit Jean-Pierre Sauvage und Fraser Stoddart für die Entwicklung molekularer Maschinen, darunter ein lichtgetriebener Molekularmotor.

Nobelpreisträger in der Medizin

Jahr Name Leistung
1924 Willem Einthoven Entwicklung des Elektrokardiogramms (EKG)
1929 Christiaan Eijkman Entdeckung der Ursache der Beriberi-Krankheit (Vitamin B1)
1973 Nikolaas Tinbergen Vergleichende Verhaltensforschung

Willem Einthoven entwickelte das Elektrokardiogramm zu einem klinisch nutzbaren Instrument und legte damit die Grundlage für die moderne Herzdiagnostik. Sein Elektrokardiograph nutzte ein empfindliches Saitengalvanometer, um die schwachen elektrischen Signale des Herzens sichtbar zu machen – ein Gerät, das er über Jahre hinweg verfeinerte, bevor es 1924 mit dem Nobelpreis gewürdigt wurde. Christiaan Eijkman fand bei Experimenten in Niederländisch-Ostindien – einer Kolonie mit langer Vorgeschichte, die bis zur Niederländischen Ostindien-Kompanie (VOC) zurückreicht – heraus, dass Beriberi mit einem Nährstoffmangel zusammenhängt; seine Arbeit gilt als Grundstein der modernen Vitaminforschung. Nikolaas Tinbergen wurde 1973 gemeinsam mit Karl von Frisch und Konrad Lorenz für die Begründung der vergleichenden Verhaltensforschung ausgezeichnet.

Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften

Jahr Name Leistung
1969 Jan Tinbergen Entwicklung dynamischer Modelle für wirtschaftliche Prozesse
2021 Guido Imbens Methoden zur Analyse kausaler Zusammenhänge

Der Wirtschaftswissenschaftspreis wurde erst 1968 von der schwedischen Reichsbank gestiftet und zählt formal nicht zu den klassischen, im Testament von Alfred Nobel festgelegten Kategorien, wird aber gemeinsam mit ihnen verliehen. Jan Tinbergen, der Bruder von Nikolaas Tinbergen, erhielt 1969 gemeinsam mit Ragnar Frisch den allerersten dieser Preise. Guido Imbens, der seit Jahren an der Stanford University forscht und zu den einflussreichsten Ökonometrikern seiner Generation zählt, wurde 2021 gemeinsam mit David Card und Joshua Angrist für Methoden zur Analyse kausaler Zusammenhänge in der empirischen Wirtschaftsforschung geehrt.

Nobelpreisträger für den Frieden

Tobias Asser erhielt 1911 gemeinsam mit Alfred Hermann Fried den Friedensnobelpreis für seine Rolle bei den Haager Friedenskonferenzen und seinen Beitrag zum internationalen Privatrecht. Er war zudem eine treibende Kraft bei der Gründung der Haager Konferenz für Internationales Privatrecht 1893, die bis heute gemeinsame Regeln für grenzüberschreitende Rechtsfälle erarbeitet. Der von ihm mitgeprägte Friedenspalast in Den Haag ist bis heute Sitz mehrerer internationaler Gerichte und ein Symbol für friedliche Streitbeilegung zwischen Staaten.

Niederländische Nobelpreise (Auswahl) 1901 van ‚t Hoff, Chemie 1913 Kamerlingh Onnes, Physik 1924 Einthoven, Medizin (EKG) 1929 Eijkman, Medizin 1953 Zernike, Physik 1969 J. Tinbergen, Wirtschaft 1995 Crutzen, Chemie (Ozon) 2016 Feringa, Chemie
Ausgewählte niederländische Nobelpreisträger im Überblick

Wissenschaftliche Tradition der Niederlande

Die lange Reihe niederländischer Nobelpreisträger steht in einer wissenschaftlichen Tradition, die bis in die Zeit des Goldenen Zeitalters zurückreicht, als Gelehrte wie Christiaan Huygens internationale Anerkennung fanden. Die Universität Leiden, 1575 unter Wilhelm von Oranien gegründet und damit eng mit der Geschichte des Hauses Oranien verbunden, zählt bis heute zu den führenden Forschungsuniversitäten des Landes, ebenso wie die TU Delft und die Universität Groningen, an der Ben Feringa forscht. Ähnlich wie es abseits der bekanntesten niederländischen Maler noch viele weitere niederländische Meister zu entdecken gibt, sind auch etliche niederländische Nobelpreisträger außerhalb der Fachwelt eher unbekannt geblieben.

Bereits im 17. Jahrhundert hatte der Delfter Kaufmann und Naturforscher Antoni van Leeuwenhoek mit selbstgebauten Mikroskopen erstmals Bakterien und andere Mikroorganismen beschrieben – eine frühe niederländische Tradition der Mikroskopie, die sich rund drei Jahrhunderte später in Frits Zernikes Nobelpreis für die Phasenkontrastmikroskopie fortsetzte. Beim Literaturnobelpreis blieb der Erfolg dagegen bislang aus: Mehrfach wurde in den vergangenen Jahrzehnten der Schriftsteller Cees Nooteboom als möglicher Kandidat gehandelt, ohne dass es bislang zu einer Verleihung kam.

Häufig gestellte Fragen

Wie viele Nobelpreisträger hat die Niederlande?

Rund 20 Nobelpreise gingen bislang an in den Niederlanden geborene oder niederländische Preisträger, die meisten davon in Physik und Chemie.

Wer war der erste niederländische Nobelpreisträger?

Jacobus Henricus van ‚t Hoff erhielt 1901 den allerersten Chemie-Nobelpreis überhaupt, für seine Arbeiten zur chemischen Dynamik und Stereochemie.

Gab es einen niederländischen Literaturnobelpreisträger?

Nein, bislang hat kein Autor mit niederländischer Staatsangehörigkeit den Literaturnobelpreis erhalten.

Wofür wurde Christiaan Eijkman ausgezeichnet?

Er erhielt 1929 den Medizin-Nobelpreis für seine Forschung zur Beriberi-Krankheit, die zur Entdeckung von Vitamin B1 führte.

Welche niederländischen Universitäten haben besonders viele Nobelpreisträger hervorgebracht?

Die Universität Leiden und die Universität Groningen zählen zu den Ausbildungs- und Forschungsstätten mehrerer niederländischer Preisträger, ebenso spielt die TU Delft in der naturwissenschaftlich-technischen Forschung eine wichtige Rolle.