Die Oostvaardersplassen: Wildnis und Diskussionen

Beitragsbild: Foto: EM Kintzel, I Van Stokkum, „Oostvaardersplassen koniks vogels“, CC BY 3.0, via Wikimedia Commons

Die Oostvaardersplassen sind ein rund 56 Quadratkilometer großes Naturgebiet in Nordwest-Flevoland, zwischen Amsterdam und dem IJsselmeer gelegen. Als „Naturentwicklungsgebiet“ wird hier die natürliche Entwicklung weitgehend sich selbst überlassen, mit nur minimalen menschlichen Eingriffen. Bekannt ist das Gebiet vor allem für seine großen Pflanzenfresser – Konikpferde, Heckrinder und Rothirsche – und für die wiederkehrenden Debatten über den Umgang mit ihnen in strengen Wintern.

Oostvaardersplassen auf einen BlickZum ausführlichen Reiseprofil
Stärken
Natur & Landschaft 5/5 · Wellness & Erholung 3/5
Beste Zeit
Frühling
Aufwand
halber Tag · kostenlos · draußen
Andrang
Gering bis moderat, der Zugang ist auf Randbereiche beschränkt

Von der Industriefläche zum Naturschutzgebiet

Ursprünglich war der Polder für industrielle Nutzung vorgesehen. Nach der Trockenlegung 1968 blieben rund 5.600 Hektar Feuchtgebiet erhalten, in denen die Natur sich unbeabsichtigt selbst gestaltete. Als die Industrieansiedlung nach der Ölkrise 1973 ins Stocken geriet, entwickelte sich die Fläche weiter zu dem heutigen Feuchtgebiet – dem größten zusammenhängenden Tiefland-Riedmoor Mitteleuropas.

Seit 1989 ist das Gebiet Teil der Ramsar-Konvention, die Feuchtgebiete von internationaler Bedeutung schützt, und erhielt 1999 zudem das Europäische Diplom für geschützte Gebiete des Europarats. Heute gehört es zum 2018 gegründeten Nationalpark „Nieuw Land“, der mehrere Naturgebiete in Flevoland zusammenfasst.

Landschaftsentwicklung und Megaherbivoren

Herde Konikpferde im Schilf der Oostvaardersplassen in Flevoland
Foto: Rick Boer, „Een kude Konikpaarden in de Oostvaardersplassen“, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Nach der Trockenlegung entstanden Feucht- und Trockenbiotope, die heute rund zwei Drittel beziehungsweise ein Drittel der Fläche ausmachen. Prozesse wie Verbuschung und Gänsebeweidung prägten die Landschaft mit; ab 1992 kamen Konikpferde als Weidetiere hinzu.

Die sogenannte Megaherbivorenhypothese geht davon aus, dass große Pflanzenfresser die Landschaft offen halten und dadurch Lebensraum für viele andere Arten schaffen. In den Oostvaardersplassen wurde diese Idee mit Koniks und Heckrindern – beide über europäische Zuchtprogramme mit genetischer Vielfalt angesiedelt – praktisch erprobt.

Prozess Wirkung
Verbuschung Fördert die Bildung von Waldflächen
Gänsebeweidung Hält Grünflächen offen
Ansiedlung von Weidetieren Unterstützt die Landschaftsgestaltung

Die Tierwelt der Oostvaardersplassen

Vogelvielfalt

Mit über 90 Brutvogelarten und insgesamt weit über 200 registrierten Arten gilt das Gebiet als bedeutender Ort für Vogelbeobachtung – ähnlich wie der Nationalpark Biesbosch. Zu den bekanntesten Arten zählen der Seeadler, der sich seit Mitte der 2000er Jahre wieder im Gebiet angesiedelt hat, und der Purpurreiher. Die Vögel profitieren von einer Nahrungskette, die von Fischarten bis zu Aas reicht; die Seeadler übernehmen dabei auch eine Rolle bei der Verwertung von Kadavern der großen Pflanzenfresser.

Große Pflanzenfresser

Koniks – eine robuste, den ausgestorbenen Wildpferden nahestehende Pferderasse – halten als Ersatz für die einstige Wildpferdpopulation die Landschaft offen und wirken der Verbuschung entgegen. Heckrinder gelten als Rückzüchtung, die dem ausgestorbenen Auerochsen möglichst nahekommen soll. Beide Arten leben im Gebiet in mehreren hundert bis über tausend Tieren, ergänzt durch eine Population Rothirsche.

  • Koniks: halten die Landschaft offen, wirken gegen Verbuschung
  • Heckrinder: Rückzüchtung in Annäherung an den Auerochsen
  • Fehlende Beutegreifer: Die Debatte um Wölfe im Gebiet bleibt aktuell

Der niederländische Dokumentarfilm „De Nieuwe Wildernis“ (2013) machte das Gebiet und seine Tierwelt einem breiten Publikum bekannt und zeigt eindrucksvoll das Zusammenspiel der Arten.

Kontroversen und Kritik

Weidetiere und Schwäne an einem Gewässer der Oostvaardersplassen im Winter
Foto: Eva-Maria Kintzel, „Oostvaardersplassen winter dieren“, CC BY 3.0, via Wikimedia Commons

Winterliche Herausforderungen

In den strengen Wintern 2009/2010 und 2017/2018 verendeten zahlreiche Tiere im Gebiet an Nahrungsmangel und Kälte, was jeweils zu heftigen öffentlichen Debatten führte – auch internationale Medien berichteten kritisch. 2010 beschloss die Politik Regelungen zur Winterfütterung und zum sogenannten „Früheingreifen“ bei erkennbar geschwächten Tieren. Die grundsätzliche Frage, ob man in die Bestände eingreifen oder die natürliche Selektion wirken lassen sollte, spaltet bis heute Ökologen und Öffentlichkeit.

Bestand und Management

Ökologen von Staatsbosbeheer wie Perry Cornelissen weisen darauf hin, dass die fehlenden natürlichen Beutegreifer die Selbstregulierung der Herden erschweren – ein zentraler Kritikpunkt am Konzept des Gebiets. Auf rund 5.600 Hektar Fläche gilt die Größe der Herbivorenbestände seit Jahren als Streitpunkt zwischen Naturschutzverbänden, Politik und Tierschutzorganisationen, was inzwischen zu einem aktiveren Bestandsmanagement geführt hat.

  • Ethische Fragen: Abschuss beziehungsweise Frühintervention vs. natürliche Selektion
  • Kapazitätsfragen: Verhältnis von Tierbestand und verfügbarer Fläche
  • Besucherinfrastruktur: eingeschränkte Zugangsregelungen im Gebiet
Die Oostvaardersplassen: Stationen 1968 Trockenlegung des Polders 1989 Aufnahme in die Ramsar-Konvention 1992 Ansiedlung der Konikpferde 2009/2018 Winter mit hoher Tiersterblichkeit, Debatten 2018 Gründung Nationalpark Nieuw Land
Wichtige Stationen der Oostvaardersplassen

Praktische Hinweise

Für Besucher gibt es Vogelbeobachtungsstellen bei Lelystad, von denen sich Teile des Gebiets einsehen lassen; freier Zugang zum Kerngebiet besteht aus Naturschutzgründen nicht überall. Geplant sind ökologische Korridore zur Veluwe, um den Tieren mehr Raum und genetischen Austausch zu ermöglichen. Wer sich allgemein für naturnahe und wilde Landschaften in den Niederlanden interessiert, findet vergleichbare Gebiete etwa auf den Wattenmeerinseln, in den Dünen von Texel oder in der Übersicht der Naturschätze der Niederlande.

Für wen sich ein Besuch der Oostvaardersplassen lohnt

Reiseprofil: Oostvaardersplassen
Wofür sich das Ziel eignet
Familie & Kinder
2/5
Action & Abenteuer
1/5
Wellness & Erholung
3/5
Kultur & Geschichte
1/5
Natur & Landschaft
5/5
Wasser & Strand
2/5
Städtetrip & Shopping
0/5
Kulinarik & Genuss
0/5
Preis-Leistung und Fotomotiv
Preis-Leistung
5/5
Fotomotiv
4/5
Beste Reisezeit
Frühling
ideal
Sommer
gut
Herbst
gut
Winter
möglich
Gut zu wissen
Zeitbedarf
Halber Tag – für Beobachtungsstellen am Rand des Gebiets
Budget
Kostenlos – Beobachtungsstellen frei zugänglich
Wetter
Outdoor – Beobachtung im Freien, Wind und Wetter ausgesetzt
Andrang
Gering bis moderat, der Zugang ist auf Randbereiche beschränkt
Übernachtung
Nicht nötig – Tagesausflug, Lelystad und Almere liegen nahe
Barrierearm / Kinderwagen
Zugänglichkeit der Beobachtungsstellen vorab beim Gebietsverwalter erfragen
Hunde
Kerngebiet nicht frei begehbar, Regeln an den Beobachtungsstellen vor Ort beachten
Anreise
Auto oder Rad zu den Beobachtungsstellen bei Lelystad
Ein Beobachtungsgebiet für Vogel- und Tierfreunde mit Fernglas, kein Wandergebiet mit freiem Zugang.
Redaktionelle Einschätzung der Niederlandenet.de-Redaktion, Stand September 2026. Preise, Öffnungszeiten und Andrang können abweichen – Angaben ohne Gewähr.

Die Oostvaardersplassen sind vor allem für Vogelbeobachter und Naturinteressierte ein lohnendes Ziel, die mit Fernglas oder Spektiv anreisen. Im Gebiet wurden über 90 Brutvogelarten nachgewiesen, darunter Seeadler und Purpurreiher, und aus der Distanz lassen sich Konikpferde, Heckrinder und Rothirsche in großen Gruppen beobachten. Wer sich für Naturschutzdebatten interessiert, erlebt hier anschaulich, was es bedeutet, eine Landschaft weitgehend sich selbst zu überlassen und welche Fragen das aufwirft.

Wenig geeignet ist das Gebiet für Besucher, die frei durch die Landschaft wandern möchten. Das Kerngebiet ist aus Naturschutzgründen nicht überall zugänglich, der Blick erfolgt vor allem von Beobachtungsstellen bei Lelystad aus. Auch Familien mit kleinen Kindern, die Bewegung und Abwechslung brauchen, sind mit anderen Naturzielen in der Region oft besser bedient, ebenso Reisende, die Kultur oder Gastronomie suchen.

Am meisten bietet das Frühjahr, wenn die Brutzeit beginnt und die Vogelwelt am aktivsten ist. Sommer und Herbst eignen sich ebenfalls für die Tierbeobachtung, der Winter ist eher etwas für Beobachter, die sich mit den Bedingungen im Gebiet auseinandersetzen wollen. Kommen Sie am frühen Morgen oder am späten Nachmittag, wenn die Tiere aktiver sind, und bringen Sie wetterfeste Kleidung mit, da die Beobachtungsstellen offen im flachen Polderland liegen.

Oostvaardersplassen auf einen Blick
Angabe Details
Lage Provinz Flevoland, bei Lelystad
Charakter Naturentwicklungsgebiet mit Röhricht, Grasland und großen Pflanzenfressern
Fläche rund 56 km²
Schutzstatus Ramsar-Gebiet, Teil des Nationalparks Nieuw Land
Tierwelt Konikpferde, Heckrinder, Rothirsche, Seeadler, Purpurreiher
Beste Reisezeit Frühjahr
Aufenthaltsdauer Halber Tag
Anreise Auto oder Rad zu den Beobachtungsstellen bei Lelystad
Besonderheit Kerngebiet nicht frei begehbar
Luftlinie ab Köln 201 km, Düsseldorf 167 km, Münster 163 km, Hamburg 333 km
Nächster Autobahn-Grenzübergang A3/A12 Emmerich–Zevenaar (85 km Luftlinie)
Stand September 2026. Quellen: Beitrag, Wikidata; Luftlinien aus Koordinaten berechnet. Angaben ohne Gewähr.

Häufig gestellte Fragen

Was macht die Oostvaardersplassen besonders?

Das Gebiet ist ein „Naturentwicklungsgebiet“, in dem sich Landschaft und Tierwelt weitgehend ohne menschliche Steuerung entwickeln dürfen – ein in dieser Konsequenz seltenes Konzept in einem dicht besiedelten Land.

Welche Tiere leben in den Oostvaardersplassen?

Neben über 90 Brutvogelarten, darunter Seeadler und Purpurreiher, leben dort große Pflanzenfresser wie Konikpferde, Heckrinder und Rothirsche.

Warum sind die Oostvaardersplassen umstritten?

Weil natürliche Beutegreifer fehlen, kam es in strengen Wintern wiederholt zu hoher Sterblichkeit unter den Pflanzenfressern. Das löste Debatten über Winterfütterung, Bestandsmanagement und den Umgang mit natürlicher Selektion aus.

Kann man die Oostvaardersplassen besuchen?

Teile des Gebiets sind über Beobachtungsstellen bei Lelystad zugänglich, das Kerngebiet bleibt aus Naturschutzgründen weitgehend geschützt und nicht frei begehbar.

Wozu gehören die Oostvaardersplassen heute?

Sie sind Teil des 2018 gegründeten Nationalparks „Nieuw Land“ in Flevoland, der mehrere Naturgebiete der Region zusammenfasst.